Komplimente annehmen und dem eigenen Körper vertrauen
Lange Zeit waren Komplimente für mich keine kleinen Geschenke, sondern eher Aufgaben. Wenn jemand mein Outfit lobte, mein Lächeln bemerkte oder sagte, dass ich heute besonders strahle, suchte ich sofort nach einer Relativierung. „Das Kleid ist halt schön“, „Das liegt am Licht“ oder „Ach, das sieht nur auf dem Foto so aus“ waren typische Antworten. Den freundlichen Blick meines Gegenübers nahm ich dabei kaum wahr.
Mit meinem Körperbild war ich oft strenger als mit jedem anderen Menschen. Plus-Size-Mode durfte auffallen, aber ich selbst wollte darin möglichst wenig Raum einnehmen. Ein Lob über meine Kleidung konnte ich noch halbwegs annehmen. Sobald ein Kompliment jedoch meine Ausstrahlung, meine Figur oder meine Präsenz betraf, meldete sich die alte innere Stimme: Das kann nicht stimmen.
Irgendwann wurde mir klar, dass diese Reaktion nichts mit Bescheidenheit zu tun hatte. Sie war ein erlerntes Schutzverhalten. Wer jahrelang hört, der eigene Körper müsse kleiner, anders oder zurückhaltender werden, glaubt positiven Aussagen irgendwann weniger als kritischen. Selbstliebe musste für mich deshalb nicht mit großen Affirmationen beginnen, sondern mit einem kurzen Moment zwischen Lob und Antwort.
Heute übe ich, Komplimente nicht sofort zu bewerten. Ich muss ihnen nicht automatisch zustimmen, mich nicht schlagfertig bedanken und auch keine perfekte Body-Positivity vorführen. Es reicht zunächst, die Anerkennung stehen zu lassen. Genau daraus ist eine mentale Übung entstanden, die mir hilft, meinen Körper freundlicher wahrzunehmen und Kleidung wieder als Ausdruck meiner Persönlichkeit zu erleben.
Warum ein Kompliment so schwer ankommen kann
Ein Kompliment berührt häufig genau die Stellen, an denen unser Selbstbild empfindlich ist. Wenn ich mich selbst an einem Tag unvorteilhaft finde, wirkt ein Lob von außen beinahe unglaubwürdig. Mein Gehirn sucht dann nach Beweisen, die zur bisherigen Überzeugung passen, und blendet die positive Rückmeldung aus. Das geschieht nicht bewusst und ist kein Zeichen von Undankbarkeit.
Besonders kompliziert wird es, wenn Aussehen über Jahre bewertet wurde. Kommentare über Gewicht, Kleidergrößen oder vermeintlich passende Schnitte hinterlassen Spuren. Irgendwann entsteht die Vorstellung, man müsse sich eine schöne Erscheinung erst verdienen. Ein Kompliment wird dann nicht als Beobachtung, sondern als Urteil erlebt, das man überprüfen und möglichst schnell zurückweisen muss.
Mir hilft die Unterscheidung zwischen Meinung und Tatsache. Ein Kompliment ist keine objektive Vermessung meines Körpers. Es ist die ehrliche Wahrnehmung eines anderen Menschen in einem bestimmten Moment. Ich muss nicht beweisen, dass ich „wirklich“ schön bin. Ich darf akzeptieren, dass jemand etwas Schönes an mir gesehen und ausgesprochen hat.
Der kleine Abstand zwischen Lob und Antwort
Meine wichtigste mentale Übung besteht aus drei Schritten: wahrnehmen, atmen, annehmen. Wenn mir jemand ein Kompliment macht, versuche ich nicht sofort zu antworten. Ich nehme zunächst wahr, was gesagt wurde, und spüre kurz, ob mein Körper angespannt reagiert. Ein ruhiger Atemzug schafft einen winzigen Abstand zu dem Impuls, mich zu rechtfertigen.
Danach sage ich schlicht: „Danke, das freut mich.“ Dieser Satz klingt unspektakulär, ist für mich aber ein echtes Training. Früher hätte ich direkt ergänzt, dass das Kleid im Sale war oder ich auf dem Bild einen guten Tag erwischt hatte. Heute lasse ich die Erklärung weg. Das Lob darf bei mir ankommen, ohne dass ich es kleiner mache.
Am Anfang fühlte sich diese Antwort fast unnatürlich an. Ich hatte Sorge, arrogant zu wirken oder zu viel Selbstbewusstsein auszustrahlen. Mit der Zeit verstand ich jedoch: Dankbarkeit ist keine Überheblichkeit. Wer ein Kompliment annimmt, stellt sich nicht über andere. Er oder sie erkennt lediglich an, dass eine freundliche Geste stattgefunden hat.
Kleidung als Ausdruck statt als Versteck
Mein Verhältnis zu Mode hat sich durch diese Übung spürbar verändert. Früher fragte ich bei einem Outfit zuerst, ob es meinen Körper möglichst unauffällig macht. Heute interessiert mich eher, ob die Farben, Materialien und Proportionen zu meiner Stimmung passen. Das bedeutet nicht, dass ich jeden Look automatisch liebe. Es bedeutet, dass mein Wohlgefühl nicht mehr von einer vermeintlichen Kaschierpflicht abhängt.
Gerade kräftige Farben erinnern mich daran, wie viel Freude in sichtbarer Kleidung steckt. Koralle kann ein ganzer Blickfang sein oder nur als kleines Detail auftauchen. Wie ich die Trendfarbe im Alltag kombiniere, habe ich in meinem Beitrag über Koralle in Übergrößen festgehalten. Beim Anziehen übe ich dabei denselben Gedanken: Ich muss nicht warten, bis mein Körper einer bestimmten Vorstellung entspricht, um Farbe tragen zu dürfen.
Ein Kompliment zu einem Outfit nehme ich inzwischen als Hinweis auf meine Entscheidung wahr. Jemand lobt nicht nur Stoff und Schnitt, sondern vielleicht auch meinen Mut, meine Freude oder die Art, wie ich mich darin bewege. Diese Perspektive verändert meinen inneren Dialog. Aus „Darf ich das tragen?“ wird häufiger „Wie möchte ich mich heute zeigen?“
Ein innerer Dialog mit mehr Verständnis
Die mentale Übung funktioniert besser, wenn ich meine kritische Stimme nicht bekämpfe. Früher wollte ich negative Gedanken sofort loswerden. Das führte oft dazu, dass sie noch lauter wurden. Heute benenne ich sie: „Da ist wieder die Sorge, nicht gut genug auszusehen.“ Allein diese Formulierung schafft Distanz. Der Gedanke ist dann etwas, das auftaucht – nicht automatisch die Wahrheit.
Anschließend frage ich mich, wie ich mit einer Freundin sprechen würde, die gerade ein Kompliment abwehrt. Ich würde ihr nicht sagen, dass sie sich irrt oder sich zusammenreißen soll. Ich würde vermutlich antworten: „Du musst dich nicht kleiner machen, nur weil dir jemand etwas Schönes sagt.“ Diesen Satz versuche ich auch mir selbst zu geben.
Hilfreich ist außerdem, das konkrete Lob innerlich zu wiederholen. Sagt jemand, meine Jacke sehe toll aus, denke ich nicht sofort „Das stimmt nicht“, sondern: „Diese Person mag, wie die Jacke an mir wirkt.“ Das ist eine neutrale, glaubwürdige Zwischenstufe. Körperakzeptanz muss nicht bedeuten, jeden Tag begeistert in den Spiegel zu schauen. Sie kann auch heißen, dem eigenen Erleben mit weniger Härte zu begegnen.
Was Nachhaltigkeit mit Selbstwert zu tun hat
Ein freundlicherer Blick auf mich zeigt sich nicht nur im Spiegel. Er beeinflusst auch, wie ich Entscheidungen treffe und welchen Druck ich mir mache. Wenn ich glaube, ständig neu aussehen zu müssen, kaufe ich schneller Dinge, die kurzfristig Sicherheit versprechen. Ein neues Kleid ersetzt dann für einen Moment das Vertrauen in den eigenen Stil.
Deshalb hängen für mich Selbstwert und bewusster Konsum zusammen. Beim plastikfreien Monat habe ich erlebt, wie wertvoll kleine, realistische Schritte sein können. Nachhaltigkeit muss nicht perfekt funktionieren, um eine Haltung zu verändern. Ähnlich ist es beim Körperbild: Ich muss mich nicht jeden Tag bedingungslos lieben, um mich respektvoll zu behandeln.
Auch beim Shoppen frage ich mich inzwischen, ob ein Kleidungsstück meine Garderobe bereichert oder nur eine Unsicherheit beruhigen soll. Ein Lob von außen ist schön, aber es darf nicht die einzige Bestätigung sein. Wenn ich ein Teil kaufe, weil ich mich darin frei, bequem und authentisch fühle, bleibt dieses gute Gefühl länger bei mir als ein kurzer Blick auf eine vermeintlich perfekte Silhouette.
Übung im Alltag verankern
Ich übe das Annehmen von Komplimenten besonders bewusst in Situationen, in denen ich mich sichtbar mache. Vor einem Treffen, bei einem Shooting oder an einem Tag mit einem auffälligen Outfit stelle ich mich kurz hin und nehme meine Haltung wahr. Nicht, um Problemzonen zu kontrollieren, sondern um festzustellen: Ich bin da. Mein Körper trägt mich durch diesen Moment.
Ein Look wie ein Strickkleid mit Gürtel kann dabei ein guter Anlass sein, die Übung praktisch anzuwenden. Wenn jemand die Kombination lobt, antworte ich mit einem einfachen Dankeschön und bleibe bei mir. Ich muss weder erklären, warum der Gürtel funktioniert, noch auf vermeintliche Nachteile meiner Figur hinweisen.
Manchmal schreibe ich erhaltene Komplimente abends in eine Notiz. Nicht als Beweissammlung dafür, dass ich schön genug bin, sondern als Erinnerung daran, dass mein Selbstbild nicht die einzige Perspektive ist. Nach einigen Wochen entsteht ein differenzierteres Bild: Menschen nehmen meine Farben, meine Energie, mein Lachen, meinen Stil und meine Wärme wahr. Mein Körper ist ein Teil davon, aber nicht die ganze Geschichte.
Diese Übung hat meine Unsicherheiten nicht ausgelöscht. Es gibt weiterhin Fotos, Spiegelmomente und Tage, an denen ich mich nicht besonders attraktiv fühle. Der Unterschied liegt darin, dass ich mich dann nicht mehr automatisch bestrafe. Ich kann ein Kompliment annehmen, auch wenn ich mich selbst gerade nicht so sehe. Zwei Wahrnehmungen dürfen gleichzeitig existieren.
Wer Komplimente bisher reflexartig abwehrt, kann klein anfangen: beim nächsten Lob einmal tief durchatmen, Blickkontakt halten und nur „Danke“ sagen. Dieser kurze Satz muss sich nicht sofort selbstverständlich anfühlen. Mit jeder Wiederholung wird er zu einer freundlichen Grenze gegen den alten Reflex und zu einer Einladung, den eigenen Körper mit mehr Respekt zu bewohnen.
Gib dir diese paar Sekunden Raum und lass ein schönes Wort stehen, ohne es zu erklären oder zu verkleinern. Schreibe dir heute ein Kompliment auf, das du sonst zurückgewiesen hättest, und lies es später noch einmal mit derselben Nachsicht, die du einem geliebten Menschen schenken würdest.