Körperbild beim Fotoshooting im Studio – wie ich mich getraut habe

Es gibt Momente, in denen das eigene Spiegelbild plötzlich verhandelbar wird. Jahrelang habe ich mich vor professionellen Kameras gedrückt, weil ich dachte, ein Studio sei ein Ort, an dem nur „perfekte" Körper etwas zu suchen haben. Diese Überzeugung saß tief, eingeschrieben zwischen alten Diät-Tipps aus Illustrierten und den leisen Kommentaren, die ich mir selbst jahrelang erzählt habe. Irgendwann wurde der Wunsch, mich so zeigen zu wollen wie ich bin, größer als die Angst vor dem Ergebnis.

Der Auslöser war überraschend unspektakulär. Eine befreundete Fotografin aus Augsburg schrieb mir, sie würde gerade an einer Serie zum Thema „Sichtbarkeit jenseits der Norm" arbeiten und ob ich mir vorstellen könne, Teil davon zu sein. Ich sagte zunächst reflexhaft ab, korrigierte mich dann aber selbst – denn genau dieses „Ich bin nicht gemeint" war das Problem. Nach zwei Wochen innerer Debatte sagte ich doch zu.

Was folgte, war kein glamouröses Erweckungserlebnis, sondern ein sehr ehrlicher Prozess mit kleinen Rückfällen, Selbstgesprächen und einem neu erlernten Blick auf meinen Körper. Davon erzähle ich hier – nicht als universelle Anleitung, sondern als persönliche Geschichte, die Mut machen soll, sich selbst wieder öfter zuzutrauen, gesehen zu werden.

Die Entscheidung, mich vor die Kamera zu stellen

Am Anfang stand kein konkreter Plan, sondern ein diffuses Gefühl von „Es wäre Zeit". Ich hatte in den letzten Jahren viel über Mode geschrieben, über Schnitte, Stoffe und Trends in großen Größen, aber meine eigene Figur blieb auf Fotos meist unsichtbar. Outfits zeigte ich, mich selbst selten. Diese Diskrepanz zwischen dem, was ich predigte, und dem, was ich zeigte, wurde mit jeder neuen Kolumne lauter.

Ich begann, andere Bloggerinnen zu beobachten, die sich trauen, offen im Studio zu arbeiten. Dabei fiel mir auf, dass viele von ihnen nicht weniger unsicher waren als ich – sie hatten nur irgendwann aufgehört, auf die innere Stimme zu hören. Das half mehr als jedes Motivationszitat. Ich erkannte, dass „sich trauen" keine Charaktereigenschaft ist, sondern eine Entscheidung, die man immer wieder neu trifft.

Also machte ich einen Termin. Bewusst keine Fotosession im Freien, keine belebte Innenstadt – das Studio mit seiner kontrollierten Umgebung fühlte sich für den ersten Schritt sicherer an. Ich wollte Raum haben, mich auszuprobieren, ohne dass Passanten zuschauen oder mein Stolpern bemerken.

Die Tage vor dem Shooting – Stille und Vorbereitung

In den Tagen vor dem Termin wurde es merkwürdig still in meinem Kopf. Ich hatte erwartet, dass die Aufregung lauter wird, je näher der Tag rückt – tatsächlich wurde sie leiser, fast meditativ. Ich verbrachte viel Zeit damit, Musik zu hören, durch meine Kleiderschränke zu gehen und Kaffee zu trinken, ohne ihn wirklich zu schmecken.

Die größte Frage war die nach dem Outfit. Ich entschied mich bewusst gegen alles, was ich bisher als „schmeichelhaft" verstand – keine reinen Schwarz-weiß-Kombinationen, keine verbergenden Schnitte, keine Stoffe, in denen ich mich klein fühle. Stattdessen suchte ich Teile aus, in denen ich mich bewegen konnte und die meine Lieblingsstellen betonten. Das fühlte sich wie ein kleiner Akt der Rebellion an.

Am Abend vor dem Shooting packte ich drei Looks in eine Tasche, dazu Schmuck, bequeme Schuhe und ein Ersatzteil für jedes Outfit. Ich hatte das Gefühl, weit mehr als Kleidung zu packen – nämlich Versionen von mir, die ich ausprobieren wollte. Beim Zukleben der Tasche wurde mir klar: Es geht nicht um Stoff, sondern um Haltung.

Drei Looks im Studio – wie Stoffe mein Körpergefühl veränderten

Im Studio angekommen, breitete ich alle drei Outfits nebeneinander aus. Auf dem Boden lagen Stoffe, die zugleich drei verschiedene Antworten auf die Frage waren, wer ich an diesem Tag sein wollte. Die Fotografin schaute zu, sagte nichts, trank ihren Tee. Ich entschied mich spontan, mit dem mutigsten Look zu beginnen.

Look Schnitt Farbe Wirkung auf mein Körpergefühl
Look 1 Tailliertes Blusentop mit weiter Hose warmes Rostrot selbstbewusst, kraftvoll
Look 2 Wickelkleid mit V-Ausschnitt dunkles Petrol weich, sinnlich, geerdet
Look 3 Oversize-Hemd mit schmaler Stoffhose gebrochenes Weiß lässig, hell, unaufgeregt

Die Looks wirkten im Studio ganz anders als zu Hause vor dem Spiegel. Das Licht veränderte die Stoffe, und ich veränderte mich mit ihnen. Im Rostrot fühlte ich mich gehalten, im Petrol floss etwas Weiches durch meine Haltung, im Weiß wurde ich überraschend ruhig. Ich war erstaunt, wie sehr das eigene Körpergefühl mit der Inszenierung zusammenhängt.

Am Ende des Tages trug ich alle drei Looks mindestens eine Stunde, und jede Stunde hinterließ andere Bilder und ein anderes Ich. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Kleidung kein Versteck ist, sondern eine Bühne, auf der man verschiedene Facetten derselben Person zeigen kann.

Der Tag im Studio, das Lampenfieber und der erste Auslöser

Am Morgen des Shootings war ich überzeugt, alles abzusagen. Mein Bauch rebellierte, der innere Dialog lief auf Hochtouren. Erst der Anruf der Fotografin, die ganz ruhig sagte „Du musst heute nichts liefern, nur da sein", brachte mich dazu, tatsächlich in die Straßenbahn zu steigen.

Das Studio selbst war kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte, und genau das half. Es fühlte sich nicht nach Bühne an, sondern nach einem geschützten Raum. Links Softboxen, rechts ein Stoffhintergrund in warmem Beige, dazwischen ein paar Möbelstücke, die Atmosphäre schufen. Ich zog mich um, schminkte mich selbst – auch das war eine bewusste Entscheidung, weil ich mich so nicht „fremd" fühlen wollte.

Die ersten Auslöser-Klicks waren unbeholfen. Ich stand steif, lächelte zu viel, suchte Halt an der Stuhllehne. Die Fotografin sprach wenig, arbeitete viel. Irgendwann sagte sie nur: „Lass die Schultern einfach fallen." Dieser eine Satz veränderte alles. Ich hörte auf, mich zu inszenieren, und begann, mich zu bewegen.

Posen, die nichts mit Inszenierung zu tun haben

Mit der Zeit merkte ich, wie mein Verhältnis zur Kamera sich verschob. Am Anfang versuchte ich noch, Haltungen aus Magazinen zu imitieren – diese künstlichen Posen, die suggerieren, ein Körper müsse auf eine ganz bestimmte Weise im Raum existieren. Das funktionierte nicht. Mein Körper wollte anders.

Ich begann, meine eigenen Bewegungen mitzubringen. Die Art, wie ich mein Haar hinten zusammenfasse, wenn ich nachdenke. Das leichte Schaukeln auf den Füßen, wenn ich aufgeregt bin. Das Einhaken der Daumen in die Hosentaschen, wenn ich unsicher bin. All das sind keine Posen, die in einem Posinguide stehen – es sind meine.

Die Fotografin fing diese kleinen Gesten ein, ohne sie zu inszenieren. Genau dort, in dieser Mischung aus Beiläufigkeit und Kontrolle, entstanden die Bilder, mit denen ich heute etwas anfangen kann. Sie zeigen keine „Figur", sondern eine Person in einem Moment. Das war der größte Aha-Moment des Tages.

Die Bilder hinterher und was bleibt

Als die Dateien in meinem Postfach landeten, öffnete ich sie zunächst gar nicht. Ich brauchte zwei Tage, bis ich bereit war hinzuschauen. In meinem Kopf liefen schon alle möglichen Urteile: zu dick, zu ungeschickt, zu durchschnittlich. Die Angst vor dem eigenen Bild war größer als die Neugier.

Als ich dann doch scrollte, war ich verblüfft. Ich erkannte mich wieder, aber anders. Die Bilder zeigten jemanden, der präsent war, nicht jemanden, der sich versteckte. Das war neu. Ich sah Kurven, die mir vertraut waren, aber in einem Licht, das ihnen etwas zugestand, statt sie zu korrigieren. Ich hatte nicht erwartet, dass ausgerechnet ein Studio, dieser vermeintlich kontrollierte, künstliche Raum, der ehrlichste Spiegel sein würde.

Ich entschied mich, nur ausgewählte Bilder zu veröffentlichen, und zwar mit einer klaren Haltung. Ich wollte keine gefilterten Hochglanz-Fotos zeigen, sondern diejenigen, auf denen ich mich lebendig fühle. Werbung und Kooperationen Umgang mit Sponsored Content waren hier ausdrücklich nicht der Anlass – das Shooting war ein privates Projekt, das ich mir selbst geschenkt habe.

Ein paar Wochen nach dem Shooting sortiere ich immer noch Erlebnisse ein. Was bleibt, ist weniger ein bestimmtes Foto als ein verändertes Verhältnis zu meinem Körper im Raum. Ich habe gelernt, dass „sich trauen" keine einmalige Entscheidung ist, sondern ein tägliches Üben, oft gegen innere Widerstände. Mir hat geholfen, klein anzufangen – kein großer Catwalk-Auftritt, sondern ein verträumtes Studio, eine freundliche Fotografin, ein ehrlicher Blick auf das, was schon da ist.

Wer überlegt, so einen Schritt zu wagen, dem möchte ich mitgeben: Du musst am Anfang keine Pose können, du musst nur hingehen. Wenn dich solche persönlichen Themen interessieren, findest du auf meinem Blog auch Reisen und Hotelreviews, die ähnlich ehrlich erzählt sind. Schreib mir gerne in den Kommentaren, welche Situation dich bisher am meisten Überwindung gekostet hat. Lass uns sichtbarer werden – gemeinsam, in unserem eigenen Tempo.